Die erschöpfte Frau – Ein geschlechtsspezifischer Blick auf das Burnout-Syndrom

Um es gleich vorwegzunehmen: Das Burnout-Syndrom ist keine Erkrankung, die vorrangig oder ausschließlich Frauen betrifft. Burnout ist „geschlechtslos“, es hat viele Gesichter und kann die unterschiedlichsten Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen treffen. Es ist aber auch schon lange nicht mehr nur eine „Managerkrankheit“ oder „Modediagnose“. Die Symptome eines Burnouts müssen ernstgenommen werden; die Langzeitfolgen sind für die betroffene Person, deren soziales Umfeld sowie auch für das gesamte Gesundheitssystem gravierend.
In der Praxis zeigt sich: Immer mehr Frauen fühlen sich ausgebrannt, sie leiden unter Erschöpfungszuständen und fühlen sich von den Anforderungen des Alltags überfordert. Viele Frauen funktionieren nur noch, was zu Lasten der eigenen Lebensqualität geht. Doch woran liegt das?

Äußere und innere Faktoren für Erschöpfung

Burnout-Falle: Care Work

Hierzu lohnt es sich einen Blick auf jene Situationen zu werfen, in denen es häufig zu Erschöpfungszuständen bis hin zum Burnout-Syndrom kommt. Besonders gefährdet sind Menschen, die unter einer beruflichen und privaten Doppelbelastung leiden, die sich zwischen Job und Familienbetreuung aufreiben. Zweitere beinhaltet oftmals auch die Pflege von betagten und/oder erkrankten Angehörigen. Auch Menschen, die im medizinischen bzw. Pflegebereich tätig sind, gelten als besonders gefährdet. So lässt sich sagen, dass der gesamte Bereich der bezahlten und unbezahlten Care Work ein erhöhtes Erkrankungsrisiko mit sich bringt. Care Work ist häufig gekennzeichnet durch Zeitdruck, Personalmangel, prekäre (Arbeits-)Bedingungen, hohe emotionale Belastung und zu wenig Unterstützungs- bzw. Supervisionsangebot. Und betroffen sind hierbei insbesondere Frauen.

Die „Burnout-Persönlichkeit“

Andererseits boomt in jüngster Vergangenheit die Forschung zur Hypothese der so genannten „Burnout-Persönlichkeit“. Wir wissen inzwischen, dass die Entstehung eines Burnouts sowohl von äußeren als auch von inneren Faktoren abhängt. Das bedeutet, dass unterschiedliche Personen unter denselben Umwelt- und Arbeitsbedingungen ganz unterschiedliche Auswirkungen erleben können. Somit stellt sich die Frage nach den vorbeugenden Resilienzfaktoren sowie nach den Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen von Personen, die mit erhöhter Wahrscheinlichkeit an einem Burnout-Syndrom erkranken. Die Forschung zu diesem Thema steckt zwar noch in ihren Kinderschuhen, dennoch scheint unter Anderem bereits eine Eigenschaft in Zusammenhang mit Erschöpfungszuständen, Depressionen und Burnout zu stehen: Eigensinn.

Resilienzfaktor: Eigensinn

Was Eigensinn ist…

Eigensinnig zu sein bedeutet, dass wir uns für unsere Rechte und Interessen einsetzen, ohne dabei die Rechte oder Gefühle anderer zu verletzen. Wir respektieren also sowohl unsere eigenen sowie auch die Rechte der anderen. Es bedeutet, anderen ihren Raum zu lassen und sich gleichzeitig den eigenen Raum und die eigenen Grenzen zu wahren. Eigensinnigen Menschen ist es wichtig, dass andere Menschen ihren Willen kennen, indem sie ihn auf Augenhöhe kommunizieren. Dabei geht es am Ende nicht darum, die andere Person zu überzeugen, sondern einen Kompromiss zu finden oder schlichtweg festzustellen, dass wir in einer Sache nun einmal nicht mit unserem Gegenüber übereinstimmen.

Eigensinn steht in Zusammenhang mit Autonomie, also mit dem Wunsch nach Selbstbestimmung in unserer Lebensführung – und zwar auch dann, wenn wir dazu Hindernisse überwinden und unbeirrt an unseren Prinzipien festhalten müssen. Man könnte auch sagen: Wer sich eigensinnig verhält, verhält sich authentisch. Wir leben dann in Übereinstimmung mit unseren Werten und Überzeugungen, verstellen uns nicht und sind ganz wir selbst. Eigensinn ist somit ein ganz wesentlicher Faktor für die Entwicklung der persönlichen Resilienz – jener seelischen Widerstandskraft, die wir benötigen, um mit Krisen und herausfordernden Lebenssituationen umzugehen.

…und was er nicht ist

Dem Eigensinn haftet jedoch zu Unrecht ein schlechter Ruf an. Denn er wird häufig missverstanden als aggressiver Egoismus, als „über Leichen Gehen“ und die eigenen Interessen und Rechte auf Kosten anderer umsetzen. Besonders aufgrund dieser Fehlinterpretation ist der Eigensinn nach wie vor eine jener Eigenschaften, die Männern als beinahe natürlich und für ihr persönliches und berufliches Vorankommen notwendig zugeschrieben wird. Bei Mädchen und Frauen hingegen ist sie nach wie vor wenig geschätzt. Schon in der Kindheit gelten eigensinnige Jungs als durchsetzungs- und charakterstark, während eigensinnige Mädchen eher als schwierig, ungehorsam und dickköpfig wahrgenommen werden. Daher lernen insbesondere Frauen im Laufe ihres Lebens, möglichst wenig eigensinniges Verhalten zu zeigen. Stattdessen sind sie häufig bemüht Everybody’s Darling zu sein, alles gleichzeitig zu machen und niemanden zu enttäuschen. Sie vermeiden es das Wort „Nein“ zu benutzen, wollen es allen anderen recht machen und stellen dafür bereitwillig ihre eigenen Bedürfnisse hintenan.

Wie sich fehlender Eigensinn bemerkbar macht

Aus diesem fehlenden Eigensinn entwickeln sich typische „Symptome“, die bis hin zu depressiven bzw. Erschöpfungszuständen und Burnout führen können. Diese „Symptome“ sind das Gefühl

  • ausgenutzt zu werden
  • sich nicht durchsetzen zu können
  • nicht gesehen zu werden
  • immer unter Zeitdruck zu stehen
  • ständig gestresst zu sein
  • leer und ausgebrannt zu sein
  • nicht gut genug zu sein
  • nicht das eigene Leben zu leben.

Mit Eigensinn gegen Erschöpfung und Burnout

Fehlender Eigensinn und die Tatsache, dass diese Eigenschaft in der Erziehung von Mädchen bis dato wenig gefördert wurde, können dabei helfen zu erklären, weshalb immer mehr Frauen sich ausgebrannt und erschöpft fühlen. Die gute Nachricht ist: Eigensinn ist erlernbar! Wir können die alten Muster auflösen und Schritt für Schritt neue Verhaltensweisen trainieren, die zu mehr Kraft, Autonomie und Lebensqualität führen. Welche Tipps und Tricks es für den Alltag gibt, um unseren Eigensinn zu stärken, zeigen wir in unserem nächsten Artikel (hier geht’s zum Artikel)!

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