Männer weinen nicht – oder doch?

Der Movember ist offiziell vorüber – das Thema Männergesundheit hingegen ist nach wie vor aktuell! Die Weihnachtszeit, die wir uns – wie vielfach besungen – merry and bright ausmalen, stellt für viele Menschen eine Ausnahmesituation dar. Der Lockdown oder Lockdown Light sorgen dank Home Office, Home Schooling und @home aufeinander Hocken für ungeahntes Konfliktpotenzial und vorweihnachtliche Spannungen hoch zehn. Vielleicht fühlen wir uns aber auch einsam, weil uns im unfreiwilligen Home Alone langsam aber sicher die Decke auf den Kopf fällt. So oder so scheint es plötzlich gar nicht mehr so erstaunlich, dass gerade die Weihnachtszeit nicht nur Besinnlichkeit, Punsch und Kekse mit sich bringt, sondern leider manchmal auch depressive Verstimmungen, Einsamkeit oder Angstzustände.

Was rund um dieses Thema immer wieder ins Auge sticht, ist das Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern. Es wird nicht nur im Kontext körperlicher Gesundheit sichtbar, wie wir in unserem letzten Artikel gezeigt haben (nachzulesen hier) – auch in Sachen psychische Gesundheit gibt es deutliche und zum Teil erschreckende geschlechterspezifische Unterschiede! So werden bei Männern beispielsweise Depressionen nur halb so oft diagnostiziert wie bei Frauen. Doch Männer sind keineswegs seltener von Depressionen betroffen, sie haben lediglich einen anderen Umgang damit. Dieser äußert sich beispielsweise darin, dass Männer sowohl psychische als auch körperliche Beschwerden in der Regel länger ignorieren oder sie durch Suchtmittelgebrauch wie Nikotin, Alkohol, Glücksspiel, Drogen, aber auch Extremsport o.ä. kompensieren. Dadurch lässt sich auch erklären, weshalb Suchterkrankungen bei Männern deutlich häufiger diagnostiziert werden als bei Frauen und Männer auch weitaus häufiger Suizid begehen.

Depression und Angststörung – Männer erkranken anders

Weltweit stirbt jede Minute ein Mann durch Suizid. Doch woran liegt es, dass psychische Erkrankungen und psychosomatische Beschwerden bei Männern unentdeckt bleiben oder falsch interpretiert werden? Ein Teil der Antwort steckt in den – nach wie vor sehr klassischen – Rollenbildern in unserer Gesellschaft. Nach wie vor empfinden wir es häufig als schwach oder unmännlich, über unsere Probleme zu sprechen. Prof. Dr. Harald Gündel von der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Ulm bringt die traurige Wahrheit auf den Punkt: „Suizid ist vorwiegend männlich, nach dem Motto: handeln, nicht reden.“

Ein anderer Teil der Antwort verbirgt sich in der Erscheinungsform männlicher Depression. Diese zeigt sich seltener als bei Frauen mit den klassischen Symptomen der Niedergeschlagenheit, der Antriebslosigkeit und des Rückzuges, sondern häufiger mit Symptomen wie Aggressivität, Hyperaktivität oder Substanzmissbrauch. Deshalb wird die Erkrankung oftmals fehlinterpretiert – oder gänzlich übersehen. Da Männer verstärkt dazu tendieren psychische Probleme zu ignorieren, zu bagatellisieren oder zu verstecken, stehen außerdem meist körperliche Symptome im Vordergrund, wenn sie einen Arzt bzw. eine Ärztin aufsuchen.

Männliche Depression – Was uns schadet, was uns schützt

Es gibt einige Umwelteinflüsse, die sich nachgewiesenermaßen stark auf die psychische Gesundheit von Männern auswirken – teilweise stärker, als sie sich auf die psychische Gesundheit von Frauen auswirken. Bedingungen, die zu Depressionen oder Angststörungen führen können, stellen dabei zugleich auch potenzielle protektive (= schützende) Faktoren dar.

Sozialleben

Für Männer spielen haltgebende Beziehungen eine besondere Rolle im Hinblick auf ihre psychische Gesundheit. Der Verlust einer wichtigen Bezugspersonen oder anhaltende Beziehungsprobleme belasten sie im Durchschnitt deutlich stärker als Frauen. Insbesondere ältere Männer sind hier gefährdet, da sie häufig von Einsamkeit und persönlichen Verlusten betroffen sind.

Arbeitsleben

Überlastung, unklare Aufgaben, fehlende Wertschätzung durch Vorgesetzte uvm. haben insbesondere bei Männern negative Auswirkungen auf deren psychisches Wohlbefinden. Die größte Bedrohung stellen jedoch Arbeitslosigkeit und die meist damit einhergehenden finanziellen Schwierigkeiten dar.

Körperlicher Gesundheitszustand

Körperliche Erkrankungen sowie chronische Schmerzen wirken sich negativ auf die psychische Gesundheit von Männern aus. Ein guter körperlicher Gesundheitszustand hingegen gilt als Schutzfaktor; hilfreich sind dabei insbesondere ausreichend Bewegung, gesunde Ernährung und regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen.

Life Events

Zu den einschneidenden Veränderung der Lebensumstände, die die psychische Gesundheit von Männern stark beeinflussen, gehören negative Life Events wie Trennung, Scheidung oder Tod eines bzw. einer Angehörigen. Aber auch positive Life Events wie beispielsweise die Geburt eines Kindes können das Auftreten einer Depression oder Angststörung begünstigen.

Drogen- & Alkoholkonsum

Der Konsum von Suchtmitteln kann sowohl Auslöser als auch Folge einer Depression oder Angststörung sein. In jedem Fall wirken sie sich negativ auf die psychische sowie auch auf die körperliche Gesundheit aus. Sie bedürfen außerdem meist professioneller Unterstützung in Form einer Therapie.

Männergesundheit fördern

Die vorangegangenen Zeilen machen deutlich: Männer sind ebenso häufig von psychischen Erkrankungen betroffen wie Frauen, doch sie erkranken anders – und gehen auch anders damit um. Deshalb sind geschlechterspezifische und -sensible Prävention, Diagnostik und Behandlung umso wichtiger! Doch welchen Beitrag können wir alle für die psychische Gesundheit von Männern leisten?

Was Männer für ihre psychische Gesundheit tun können

Männer dürfen…

  • Menschen sein, Probleme haben und darüber sprechen.
  • auch mal unglücklich sein und sich trotzdem männlich fühlen.
  • stark sein, indem sie Schwäche zeigen.
  • sich anderen anvertrauen.
  • wissen, dass sie nicht alleine sind und es vielen anderen (Männern) ähnlich geht.
  • sich professionelle Unterstützung holen.

Wie wir alle zur psychischen Gesundheit von Männern beitragen können

Als Freund*innen, Bekannte, Angehörige, Arbeitskolleg*innen etc. sollten wir…

  • unserem Gegenüber Aufmerksamkeit schenken und ehrliches Interesse zeigen.
  • es ansprechen, wenn wir Veränderungen (z.B. der Stimmung, des Gesundheitszustandes etc.) bemerken.
  • unserem Gegenüber ein offenes Ohr schenken und zuhören, ohne zu be- oder verurteilen.
  • authentisch sein und auch offen über unsere eigenen Gefühle sprechen.
  • vermitteln, dass sich niemand für eine psychische Erkrankungen schämen muss.
  • unsere Unterstützung anbieten oder gegebenenfalls bei der Suche nach professioneller Unterstützung helfen.

Noch Fragen? Lassen Sie sich von uns beraten – persönlich oder online!

Lesetipps & Quellen

Psychische Gesundheit: Männer weinen heimlich
https://www.aerzteblatt.de/archiv/169364/Psychische-Gesundheit-Maenner-weinen-heimlich

Ursachen von Angststörung und Depression bei Männern
https://psychische-hilfe.wien.gv.at/site/zielgruppen/depression-und-angststoerung-bei-maennern/ursachen-von-angststoerung-und-depression-bei-maennern/

Psychische Erkrankungen: Männer erkranken anders
https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/news-archiv/meldungen/article/psychische-erkrankungen-maenner-erkranken-anders/

Gender-Gesundheitsbericht des Bundesministeriums
https://broschuerenservice.sozialministerium.at/Home/Download?publicationId=661