Bedürfnisorientierte Erziehung – Fluch oder Segen?

Teil I der Reihe: HAPPY HEALTHY FAMILY

Wenn wir gefragt werden, welchen Themen wir in unserer täglichen Praxis häufig begegnen, sagen wir gerne mit einem Augenzwinkern: „Wir behandeln die Folgen von bedürfnisorientierter Erziehung!“ Damit meinen wir sowohl Kinder und Jugendliche, die außer Rand und Band zu sein scheinen, als auch ganze Familiensysteme, die im Dauerkonflikt stehen, Paare, bei denen Elternschaft und Kindererziehung zu massiven Beziehungskonflikten führen, und Mütter sowie Väter, die sich erschöpft, verzweifelt und völlig ausgebrannt fühlen.

Natürlich geht es dabei nicht immer (nur) um bedürfnisorientierte Erziehung. Dennoch hat diese Form der Elternschaft in den letzten Jahr(zehnt)en nicht nur an Bedeutung und Bekanntheit gewonnen. Sie hat auch weitreichende Folgen entwickelt, die in der Gesellschaft und im Alltag mehr und mehr spür- und sichtbar werden. Was es damit auf sich hat, werden wir heute etwas näher beleuchten.

Bedürfnisorientierte Erziehung – wo kam die nochmal her…?

Am Anfang sei gesagt: Bedürfnisorientierte Erziehung – das klingt zunächst einmal nicht schlecht. Sagt ja für sich allein betrachtet auch noch gar nichts darüber aus, um wessen Bedürfnisse es sich dabei eigentlich dreht. Nun ist bekannt, dass die Interpretation in den Elternratgebern, pseudowissenschaftlichen Lehrbüchern und auf unzähligen Mama-Blogs nicht ganz so frei ist. Im Vordergrund stehen letztlich die Bedürfnisse des Kindes. Nun ist es weder verwunderlich noch neu, dass sich Erziehung an den Bedürfnissen eines Kindes orientiert. Wenn wir an die erste Phase der Elternschaft, sagen wir an die ersten sechs bis neun Monate denken, werden wir alle bestätigen: Es dreht sich im Leben kaum um etwas Anderes als um die Bedürfnisse des Säuglings. Verständlicherweise. Wo also biegt das Konzept der bedürfnisorientierten Erziehung unserer Erfahrung nach dennoch falsch ab? Dazu ist es notwendig, einen kurzen Blick auf die Entstehungsgeschichte dieses Ansatzes zu werfen.

Ein amerikanisches Konzept und eine kreative Übersetzung

Am Anfang der Geschichte steht – wie so häufig – eine gewisse Unschärfe bei der Übersetzung eines englischsprachigen Konzepts ins Deutsche. Attachment Parenting steht für eine bindungsorientierte Elternschaft. Auch das Wort Erziehung gilt bereits in vielen Kreisen als verpönt. Wir verwenden es dennoch synonym mit dem Begriff der Elternschaft. Für uns hat Erziehung nämlich nichts mit rein autoritärer Machtausübung, Drill oder gar Dressur zu tun. Wir sehen Erziehung als die liebevolle und wohlwollende Zuwendung und Begleitung, die unser Nachwuchs benötigt, um mit den wichtigsten emotionalen, sozialen und kognitiven Fähigkeiten ausgestattet in die Welt gehen zu können. Erziehung beinhaltet Liebe, Rückhalt, Empathie und Beachtung der kindlichen Bedürfnisse. Ebenso wie Struktur, Rahmenbedingungen (Regeln, Grenzen und Konsequenzen) und Umgang mit Frustrationen.

Bei der Betrachtung des Konzepts Attachment Parenting sprechen wir also in erster Linie von Bindungsorientierung. Das heißt ein auf sichere und somit für die Entwicklung des Kindes förderliche Bindung ausgelegter Stil der Erziehung und Elternschaft. Hier ist, da sind wir uns bestimmt einig, noch gar nicht allzu viel von Bedürfnissen die Rede. Geprägt wurde der Ansatz vom Kinderarzt William Sears und seiner Frau Martha in den USA der 1980er Jahre. Sie brachten ihn erst später – quasi rückwirkend – mit der Bindungstheorie von John Bowlby und Mary Ainsworth (nachzulesen hier) in Verbindung. Attachment Parenting besteht – kurz zusammengefasst – aus sieben Säulen bzw. förderlichen Verhaltensweisen von Bezugspersonen.

7 Säulen der bindungsorientierten Elternschaft

  • Kontaktaufnahme direkt nach der Geburt (damit sind insbesondere Körper- und Blickkontakt gemeint)
  • wenn möglich Stillen anstelle von Flaschennahrung
  • möglichst häufiges Tragen des Kindes am Körper
  • Schlafen in der Nähe des Kindes
  • Erkennen des Signal- und Alarmcharakters des kindlichen Schreiens (also eine Reaktion der Bezugspersonen auf das Schreien innerhalb angemessener Zeit)
  • Verzicht auf Schlaftraining
  • Balance der Bedürfnisse von Mutter bzw. Bezugsperson und Kind

Attachment Parenting – möglicherweise missverstanden!

Zwei Dinge werden bis zu diesem Punkt schnell deutlich:

  1. Das Konzept des Attachment Parenting bezieht sich – vorrangig – auf Säuglinge.
  2. Attachment Parenting basiert auf sieben Säulen, von denen (Achtung, kleiner Spoiler!) keine die Bezeichnung Bedürfnisorientierung trägt.

Warum diese beiden Erkenntnisse so wichtig sind? Wir verraten es Ihnen!

Attachment Parenting: Ein Konzept für Säuglinge

Das Konzept von William und Martha Sears bezieht sich in erster Linie auf Säuglinge bzw. Kinder im Alter zwischen null und einem bis zwei Jahren. Warum das relevant ist? Einerseits natürlich, weil es sich dabei um prägende Jahre in der kindlichen Entwicklung handelt. Zum anderen unterscheidet aber auch eine Tatsache diesen Altersabschnitt ganz deutlich von allen späteren.

Grundbedürfnisse vs. Wünsche

Vor dem ersten Geburtstag sind Kinder kaum bis gar nicht zur bewussten Handlungsplanung und Selbstregulation fähig. Was sie in dieser Zeit also durch Schreien, Quengeln etc. ausdrücken, sind basale Bedürfnisse. Deren Befriedigung ist für den Säugling stets – zumindest in seiner subjektiven Wahrnehmung – überlebensnotwendig. Kein Säugling quengelt, weil er seine Bezugspersonen ärgern, um den Finger wickeln, manipulieren oder drangsalieren will. Säuglinge drücken Grundbedürfnisse (so genannte needs) aus. Erst später, meist im Laufe des zweiten Lebensjahres, erlangen Kinder zunehmend die Fähigkeit, ihr Verhalten bewusst zu steuern, ein Mittel zum Zweck einzusetzen und damit auch bewusst Einfluss auf andere Personen zu nehmen. Ab diesem Alter wird beispielsweise Schreien nicht mehr ausschließlich von grundlegenden Bedürfnissen ausgelöst. Es spielen erstmals auch – weniger grundlegende, nicht überlebensnotwendige und eher subjektiv geprägte – Wünsche eine Rolle. (Achtung, diese Unterscheidung ist wichtig! Wir kommen später noch einmal darauf zurück.)

Wann machen Regeln Sinn?

Zugleich entwickelt sich in diesem Alter auch das Verstehen von sozialen und moralischen Regeln sowie die Bereitschaft zu deren Befolgung. Von nun an ist es daher sinnvoll, klare Rahmenbedingungen zu schaffen. Der Bedürfnisausdruck von Kindern umfasst nun nicht mehr nur grundlegende Bedürfnisse, sondern auch Wünsche. Dem sollten je nach Situation durchaus auch Regeln, Grenzen und – bei Nichteinhaltung – Konsequenzen entgegengesetzt werden. Was passiert, wenn wir diesen Schritt verabsäumen bzw. uns bewusst dagegen entscheiden, beleuchten wir in unserem nächsten Artikel. Die Unterscheidung von unbewussten und bewusst gesteuerten Verhaltensweisen macht deutlich, dass Säuglinge eine andere Form der Zuwendung benötigen. Diesen Punkt sollten wir in Erinnerung behalten.

Die Rolle der Bedürfnisse im Attachment Parenting

Der Ansatz von William und Martha Sears wird vor allem deshalb häufig kritisiert wird, weil er große begriffliche Unschärfen aufweist. Die auftauchenden Ausdrücke wie Bindung, Feinfühligkeit, Balance etc. werden wenig bis gar nicht konkret definiert oder lediglich umgangssprachlich verwendet. Aus diesem Grund lässt Attachment Parenting auch sehr viel Spielraum für eigene Interpretationen. Diese tauchen als ganz unterschiedliche – und auch unterschiedlich radikale – Erziehungskonzepte in aller Welt auf. Wir haben uns nun bereits zu einer näheren Definition hingearbeitet, die aus unserer Sicht für das Konzept von großer Bedeutung ist: die Unterscheidung von grundlegenden Bedürfnissen und Wünschen. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Bindungs- und Bedürfnisorientierung.

Bedürfnisse

Bedürfnisse sind überlebensnotwendig, müssen erfüllt werden und sind nicht verhandelbar. Bei häufiger bzw. regelmäßiger Nichterfüllung droht eine Beeinträchtigung der Bindungsqualität. Aus diesem Grund betonen William und Martha Sears auch den Signal- und Alarmcharakter des Schreiens eines Kindes. Dahinter steckt ein grundlegendes Bedürfnis, das wir unbedingt erfüllen müssen. Es ist also für das Kind und für die gute bzw. sichere Bindung von großer Bedeutung, dass wir dieses Schreien beachten und stets in angemessener Zeit darauf reagieren.

Wünsche

Wünsche sind nicht überlebensnotwendig und müssen nicht zwingend erfüllt werden, hier gibt es einen Ausverhandlungsspielraum zwischen Bezugspersonen und Kind. Ein kleiner Reminder an dieser Stelle: Darum sprechen William und Martha Sears auch von einer Balance der Bedürfnisse und nicht von einer ausschließlichen Orientierung an den Bedürfnissen des Kindes. Auf diesem Punkt kommen wir später noch einmal zurück. Wichtig ist es hierbei noch zu konkretisieren: Ausverhandlungsspielraum meint nicht zwingend, dass wir mit unseren Kindern in tatsächliche verbale Ausverhandlungsprozesse treten, also Diskussionen führen müssen. Die Ausverhandlung kann auch ein innerer Prozess der Bezugsperson sein. Diese trifft aufgrund ihrer Fähigkeit zum vorausschauenden Denken und Handeln eine Abwägung zwischen den unterschiedlichen Bedürfnissen. Die Entscheidung teilt sie dem Kind dann mit. Das kann mal mit mehr und mal mit weniger Beipacktext geschehen, je nach Situation und Angemessenheit.

Attachment Parenting = Bedürfnisorientierte Erziehung?

An diesem Punkt sehen wir nun schon deutlich, zu welcher Verwirrung der etwas ungünstige Begriff der bedürfnisorientierten Erziehung geführt hat: Sie wird häufig missverstanden als eine Form der Elternschaft, die sich vorrangig bis ausschließlich an den Bedürfnissen der Kinder orientiert. Dem gegenüber stehen William und Martha Sears, wenn sie von einer Balance der Bedürfnisse sprechen. Hier ist die Unterscheidung von Bedürfnissen und Wünschen zentral: Das grundlegende Bedürfnis des Säuglings muss in Abwägung zu den Bedürfnissen der Bezugspersonen stets schwerer wiegen als der reine Wunsch des Kindes.

Vermischung von Bedürfnissen und Wünschen

In der bedürfnisorientierten Erziehung wird diese ganz wesentliche Unterscheidung meist nicht mehr getroffen. Unser 4-Jähriger möchte im Dezember bei Schneefall Sandalen und kurze Hosen anziehen? Unsere 5-Jährige wirft sich im Supermarkt schreiend auf den Boden, weil sie keine Schokolade bekommt? Diesen Wünschen wird allzu oft nachgegeben. Die Kinder, denen Eltern gerne einen starken Charakter und eine künftige Führungspersönlichkeit attestieren, werden als Expert*innen für ihr eigenes Leben, als Erwachsene in kleinen Körpern betrachtet.

Negative Auswirkungen bedürfnisorientierter Erziehung

So gut es stets gemeint ist, mit maximaler Bedürfnisorientierung tut man Kindern nichts Gutes. Dass diese Form der Erziehung sogar zum absoluten Gegenteil führen kann, erläutern Michael Winterhoff, Martina Leibovici-Mühlberger, Jesper Juul und viele weitere Autor*innen in ihren Büchern. Tatsächlich kann ein solcher missverstandener Zugang zu Attachment Parenting dazu führen, dass Kinder stark auffälliges Verhalten zeigen sowie psychische und körperliche Erkrankungen entwickeln. Die Folgen sind meist langfristig und gravierend. Sie zeigen sich häufig in auffälligem, problematischem und zum Teil kriminellem Verhalten in der Jugend sowie im Erwachsenenalter. Und auch die Folgen für das gesamte Familiensystem sind weitreichend!

In unserer langjährigen Praxis hat sich gezeigt, dass es zwei Themen gibt, die im Zusammenhang mit bedürfnisorientierter Erziehung aufkommen und bei Kindern und Jugendlichen zu Schwierigkeiten führen: fehlende Frustrationstoleranz einerseits und ein (negatives) Gefühl der Grenzenlosigkeit und damit einhergehendes Gefühl des Egal-Seins auf der anderen Seite. Was es mit diesen beiden Themen auf sich hat, zeigen wir in unserem nächsten Artikel.

Wie bindungsorientierte Elternschaft gelingen kann

Nachdem wir nun einen kurzen Blick auf den Ansatz des Attachment Parenting geworfen haben, sei zum Schluss noch gesagt: Natürlich ist es an uns Eltern, Augen und Ohren stets offen zu halten. Hinter jedem Verhalten unseres Kindes – auch, wenn es sich in Form von Wünschen äußert – stecken meist unbewusste Bedürfnisse. Deren Erfüllung ist es, die eigentlich im Vordergrund stehen sollte und die wir Eltern zu erkennen lernen müssen. Häufig ist dieses zugrundeliegende, unbewusste Bedürfnis letztlich das Verlangen nach Rahmenbedingungen; nach Orientierung, nach einer sicheren, stabilen und klaren Linie, vorgegeben durch die verlässliche, wohlwollende und aufmerksame Bezugsperson. Wie wir das am besten umsetzen können, sagt uns weitaus häufiger unser Bauchgefühl, als irgendein kluger Elternratgeber. Wir müssen uns nur wieder öfter erlauben darauf zu hören. Wie Attachment Parenting dann intuitiv und erfüllend gelingen kann, zeigen wir in unserem nächsten Artikel!

Noch Fragen? Lassen Sie sich von uns beraten – persönlich oder online!

Buchtipps & Quellen

William & Martha Sears
Das Attachment Parenting Buch
(2016)

Arnold Lohaus & Marc Vierhaus
Entwicklungspsychologie des
Kindes- und Jugendalters
(2019)

Michael Winterhoff
Warum unsere Kinder Tyrannen werden
(2009)

Michael Winterhoff
Tyrannen müssen nicht sein
(2009)

Martina Leibovici-Mühlberger
Wenn die Tyrannenkinder
erwachsen werden
(2016)

Haim Omer & Philip Streit
Neue Autorität: Das
Geheimnis starker Eltern
(2019)

Jesper Juul
Nein aus Liebe
(2008)