Damals und heute – Bindung und Beziehung im Erwachsenenalter

In unserem letzten Artikel haben wir uns mit kindlichen Bindungstypen und -mustern und ihrer Entstehung beschäftigt. (Sie finden den Artikel zum Nachlesen hier.) Die kindliche Bindung ist nicht nur im Zusammenhang mit dem Verhalten von Kindern und Jugendlichen bedeutungsvoll, sondern auch im Erwachsenenalter. Dort wirkt sie sich beispielsweise auf unsere körperliche und psychische Gesundheit aus, beeinflusst unser Bindungsverhalten unseren eigenen Kindern gegenüber und spiegelt sich auch in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen wider. Das eigene Bindungsverhalten zeigt sich dabei nicht nur in Paarbeziehungen, sondern auch in Freundschaften und am Arbeitsplatz. Es lohnt sich daher in vielerlei Hinsicht, es sowohl im Hinblick auf die eigene Kindheit als auch auf aktuelle Beziehungen zu reflektieren.

Wir möchten daher in unserem heutigen Artikel einen Blick auf die verschiedenen Bindungstypen im Erwachsenenalter werfen, wie sich diese auf unsere privaten und beruflichen Beziehungen auswirken und inwiefern Bindungsverhalten veränderbar ist.

Gelingende Beziehungen – Alles eine Frage der Bindung?

Wir haben bereits die vier verschiedenen Bindungstypen im Kindesalter kennengelernt. Entscheidend für das jeweilige Bindungsverhalten ist dabei sowohl unser Selbstbild als auch das innere Bild, das wir von anderen haben.

Ein positives Selbstbild zeichnet sich durch ein Grundgefühl der Sicherheit und geringe Angst vor Trennung aus; ein negatives Selbstbild hingegen geht meist mit einer starken Trennungsangst einher. Ähnlich verhält es sich mit dem inneren Bild von anderen: Ein positives Bild wird dadurch charakterisiert, dass Nähe möglich und erwünscht ist, wohingegen ein negatives Bild mit Angst vor Nähe und ihrer Vermeidung zusammenhängt.

Für das jeweilige Bindungsverhalten spielen also Angst vor Trennung (Selbst) und Angst vor Nähe (andere) eine wichtige Rolle. Aus den Kombinationen der unterschiedlich ausgeprägten Selbst- und Fremdwahrnehmungen lassen sich daher die nachfolgenden vier Bindungstypen im Erwachsenenalter ableiten.

Sichere Bindung

Ein sicherer Bindungstyp wird insbesondere durch ein positives Selbstbild charakterisiert. Das bedeutet, dass die Angst vor Trennung niedrig ist. Dieser Bindungstyp geht aber auch mit einem positiven Bild der anderen einher. Sicher gebundene Personen haben also keine Angst vor der Nähe anderer Menschen. Sie können Beziehungen eingehen und aufrecht erhalten und dabei dennoch ihre Autonomie bewahren. Dabei machen sie sich nicht von ihren Erwartungen an andere abhängig.

Abweisende Bindung

Personen vom abweisenden Bindungstyp haben ein positives Selbstbild, also keine Angst vor Trennung. Sie haben jedoch ein negatives Bild von anderen, weshalb sie stets mit Enttäuschungen und Zurückweisungen rechnen. Abweisend gebundene Personen haben starke Angst vor Nähe und eine generell negative Erwartungshaltung. Um sich zu schützen, betonen sie gerne ihre Unabhängigkeit und weisen andere Menschen, die ihnen emotional zu nahe kommen, vorsorglich von sich aus zurück.

Anklammernde Bindung

Personen dieses Bindungstyps haben ein negatives Selbstbild und empfinden sich selbst nicht als liebenswert. Sie haben jedoch ein positives Bild von anderen Menschen, weshalb sie deren Nähe schätzen und sich in Beziehungen teilweise aufopfernd engagieren. Dahinter steckt häufig der Wunsch nach Bestätigung, da anklammernde Personen sich aufgrund des negativen Selbstbildes der Zuneigung und Liebe ihres Gegenübers nicht sicher sind.

Ängstlich vermeidende Bindung

Ängstlich vermeidende Personen haben nicht nur ein negatives Bild von sich selbst, sondern auch von anderen Menschen. Daraus ergeben sich negative Erwartungshaltungen und eine starke Angst vor Zurückweisung und Trennung. Personen vermeiden deshalb Nähe und enge Beziehungen von vornherein, geben sich distanziert und haben meist ein geringes Selbstvertrauen.

Einmal unsicher, immer unsicher – oder?

Wir wissen nun, wie Bindungsverhalten entsteht und wie es sich im Erwachsenenalter auswirken kann. Doch was bedeutet das für uns? Heißt das, der Bindungstyp wird in der Kindheit festgelegt und bleibt dann für den Rest des Lebens festgeschrieben? Oder ist eine Veränderung möglich? Und wenn ja – wie?

Bindung ist situativ und beziehungsrelativ

Allem voran muss gesagt werden: Der Bindungstyp ist kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern beziehungsspezifisch. Das bedeutet, wir sind nicht so (zum Beispiel unsicher oder ängstlich vermeidend), sondern wir verhalten uns auf eine bestimmte Art und Weise. Und diese ist immer auch im Kontext der jeweiligen Beziehung zu sehen. Wir können also durchaus zu unterschiedlichen Personen unterschiedliche Arten von Bindung haben. Und es bedeutet auch, dass das (Bindungs-)Verhalten unseres Gegenübers ebenfalls einen Einfluss auf unser Bindungsverhalten in dieser Beziehung haben kann.

Bindung als Resilienzfaktor

Außerdem ist beispielsweise der wissenschaftlich erwiesene Zusammenhang zwischen unsicheren Bindungstypen und psychischen Erkrankungen keine monokausale Wenn-Dann-Verbindung. Es handelt sich hierbei viel mehr um Risikofaktoren, so genannte Vulnerabilitätsfaktoren. Sie wirken mit anderen Faktoren zusammen und können die Auftretenswahrscheinlichkeit einer psychischen Erkrankung erhöhen, bedingen sie aber noch nicht. Eine sichere Bindung hingegen ist allein auch noch kein Garant für körperliche und psychische Gesundheit. Sie ist allerdings ein so genannter Resilienzfaktor, also ein Teil unserer inneren Widerstandskräfte. Zusammen mit anderen Faktoren kann sie sich wie eine Art psycho-soziales Immunsystem positiv auf unsere Gesundheit auswirken.

Bindung ist variabel

Und zuletzt die gute Nachricht: Das eigene Bindungsverhalten bzw. der eigene Bindungstyp ist nicht unveränderlich und in Stein gemeißelt. Inzwischen weiß man, dass positive Beziehungserfahrungen „nachgenährt“ werden können. Das kann in stabilen, kontinuierlichen zwischenmenschlichen Beziehungen mit einem sicher gebundenen Gegenüber passieren, aber auch im Rahmen einer Therapie. Insbesondere die moderne Psychotherapieforschung konnte zeigen, dass für eine Verbesserung im Empfinden der Klient*innen nicht die Therapierichtung ausschlaggebend war, sondern viel mehr die stabile, von Wohlwollen und echtem Interesse geprägte therapeutische Beziehung. Daher ist es wichtig, sich bei der jeweiligen psychologischen bzw. psychotherapeutischen Fachkraft wohlzufühlen und häufige Personenwechsel zu vermeiden.

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Buchtipps & Quellen

Klaus Grawe
Neuropsychotherapie

(2004)

Mary Ainsworth, Mary Blehar, Everett Waters & Sally Wall
Patterns of Attachment:

A psychological of the strange situation
(1978)

Kim Bartholomew & Leonard M. Horowitz
Attachment styles among young adults:
A test of a four-category model
(1991)

Klaus Grawe
Psychologische Therapie
(2000)

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